Turin, Ende des 19. Jahrhunderts. Die ehemalige Hauptstadt des Königreichs Italien verwandelt sich in eine pulsierende Industriemetropole. Zwischen gotischen Fassaden und rauchenden Fabrikschornsteinen, zwischen Gaslaternen und gesellschaftlichen Umbrüchen bewegt sich eine Frau, die mehr sieht als alle anderen – obwohl sie blind ist.
Iris de Floris wurde ohne Augenlicht geboren. Doch was anderen als Behinderung erscheint, ist ihre größte Stärke: eine außergewöhnliche Sensibilität, die es ihr erlaubt, in die Seelen der Menschen zu blicken. Sie spürt ihre Gefühle, ihre Ängste, ihre dunkelsten Geheimnisse. Während die sehende Welt von Fassaden geblendet wird, dringt Iris bis zum Kern der Wahrheit vor.
Als ein Polizeiinspektor aus Turin vor einem unlösbaren Fall steht, wendet er sich an Iris. Ein Mord in den höchsten Kreisen der Gesellschaft – und keine Spur, kein Motiv, keine Zeugen. Die elitäre Turiner Gesellschaft verbirgt sich hinter prächtigen Ballmasken, hinter aristokratischen Titeln und makellosen Reputationen. Doch Iris spürt, was unter der Oberfläche lauert: Neid, Gier, Verrat und Mord.
Was als einfache Ermittlung beginnt, führt Iris tief in die Abgründe einer Gesellschaft, die sich selbst für zivilisiert hält. Hinter den prunkvollen Palazzi Turins spielen sich Dramen ab, die das Tageslicht scheuen. Die Oberschicht schreckt selbst vor Mord nicht zurück, wenn es darum geht, Geheimnisse zu bewahren oder Macht zu sichern.
Doch Iris ist nicht nur Ermittlerin. Sie ist eine Frau, die sich weigert, den Regeln ihrer Epoche zu folgen. In einer Zeit, in der Frauen – besonders jene mit Behinderungen – als hilflos und schutzbedürftig galten, lebt sie nach ihren eigenen Prinzipien. Sie lässt sich nicht einschränken, nicht bevormunden, nicht zum Schweigen bringen. Mit jedem Fall, den sie löst, sprengt sie die Fesseln gesellschaftlicher Erwartungen.
Fazit
Iris de Floris ist ein atmosphärischer Thriller, der historische Präzision mit übernatürlichen Elementen verbindet.
Renato Colombo erschafft ein Turin, das gleichzeitig faszinierend und bedrohlich ist – eine Stadt im Wandel, in der Fortschritt und Aberglaube, Moderne und Tradition aufeinanderprallen. Mit psychologischer Tiefe und Noir-Ästhetik erzählt er eine Geschichte über Sehen und Blindheit, über Wahrheit und Täuschung, über eine Frau, die das Unmögliche möglich macht.
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